Leseproben
Aus Kapitel:
"Wind Nordost -
Startbahn
03,5723146
Periode 3":
»Hallo! Hier Tower! Passagiere für Flug Nummer 1
bitte zum Einchecken an den Teich.«
James K. blieb wie angewurzelt stehen.
»Jimbo? Jimbo! Du junger Hüpfer, du: Was machst
du denn da oben?« James raste zu dem Baum, an dessen
Stamm ein Nistkasten angebracht war, aus dem die
Stimme erklungen war.
»Ich glaub es nicht! Jimbo!!«
Aus der Öffnung an der Vorderseite des Nistkastens
ragte plötzlich ein Kakerlakenkopf mit langen Rastazöpfen
und einem Kopfhörer.
»James? James K.? James K.! Jungs!« Der Kakerlakenschädel
verschwand kurz wieder im Kasten. »Jungs! Es
ist der legendäre James K.! Ja, der, von dem ich euch erzählt
habe!« Jimbos Kopf kam wieder zum Vorschein,
die Kopfhörer hatte er inzwischen abgesetzt.
»James, du alte Doppelnull! Wieder im Auftrag des
Kanzlers unterwegs? Hey Jungs… versteckt das Radar
und die teuren Geräte!«
»Naja, dieses Mal ermittele ich auf eigene Faust.«
»Wow! Krasse Sache! Alle Achtung, Alter! Ja… bringt
auch die Monitore in den Tresorraum! Und du Superagent
traust dich mit dem Drachen zu fliegen? Respekt!«
»Ach, du weißt ja: In meinem Leben hat so ein Gefühl
wie Angst keinen Platz. Bin schon mit ganz anderen
Dingen fertig geworden!«
»Apropos andere Dinge: Wie geht es Lotte? Leider ist
unser letzter Mönsch-Ärgere-Dich-Abend ins Wasser gefallen…
Gut so, Jungs! Jo! Auch das Echolot!«
»So weit, so gut. Hey! Wie geht es dir? Hab schon die
Kellerasseln munkeln hören, dass du zum Außenpersonal
gewechselt bist! Unser Cheferfinder P meinte bereits, er
hätte eure Stube ordentlich aufgemotzt mit Technologie
vom Feinsten. Wie steht’s? Kann ich mal raufkommen
und mich umschauen?«
»Öhm… dachte ich mir schon, dass du dir diese
Chance nicht entgehen lassen möchtest… klar… Moment
noch… Ich habe es euch ja gleich gesagt, Jungs, er will
Raufkommen! Ja! Packt auch die Kaffeemaschine weg!«
Dann geschah etwas Seltsames: Ein Wind kam auf –
ein erster Wind nach all den Wochen. Erst war es ein
laues Lüftchen, das anschwoll, bis sogar das ehrwürdige
Altenheim in der Brandung des aufkommenden Sturms
wankte. Die Bäume im Garten begannen zu tanzen. In
diesem Moment zogen sich pechschwarze Wolkenknäuel
am Himmel zusammen, wie zu einem Augenschlitz.
Das Zentrum war tief graugrün, die Außenflächen und
Ränder schwarzgrau und schmutzig. Das Himmelsauge
blickte durch das finstere Loch zwischen den Baumkronen
und erfasste die Reisegruppe. Die lodernde Pupille
des Geisterauges gewann rasch an Umfang, und über
die Wipfel der erhabenen Baumkronen donnerte – ein
Drache. Laub wurde aufgewirbelt.
Marco, Sofia und Caruso duckten sich in den Schatten
einer Hagebuttenhecke.
Der Drache stieß hinab aus dem schwarzen Auge am
Himmel, das sich gleich darauf schloss.
»Das da du….«, Marco fand nicht die rechten Worte.
Seine Stimme stolperte beim Start. »Ein Drache! Das ist
ein Drache!«
»Wie kommst du denn da drauf ? Das ist der Linienbus
nach Dortmund… Natürlich ist das ein Drache! Was
denkst du denn?«
»Es gibt keine Drachen!«
Aus Kapitel "Frisches Schlammiger":
Sofia band die Uhr ab und gab sie dem Wirt. Der watschelte
erfreut davon und brachte ihnen alsbald einen
Krug, der gefüllt war mit einer Flüssigkeit, die entfernt
an Linseneintopf erinnerte.
»Frisches köstliches Schlammiger!« Er goss den durstigen
Wanderern jeweils einen Becher randvoll ein. Das
Gebräu plumpste dabei klößchenweise in die Trinkgefäße.
»Ich weiß ja nicht... auch, wenn die Uhr nicht viel wert
war... Aber das hier sieht mir doch wesentlich wertloser
aus.« Sofia verzog angewidert den Mund.
»Ausgezeichnet!«, grinste Caruso, der seinen Becher
bereits geleert hatte und dem schon nachgegossen
wurde.
Marco schlürfte vorsichtig ein paar Tropfen durch die
Spalten zwischen den Vorderzähnen, um die Klumpen
aus der Brühe herauszufiltern, die jedoch trotzdem durch
den Zahnspalt gerissen wurden und leichte Schlieren auf
den weißen Zähnen hinterließen. Das Schlammiger glitt
ihm schleimig über den Gaumen. Es schmeckte bitter.
Aber es stillte den Durst.
Der Wirt brachte jetzt Teller, Holzlöffel und einen
Steintopf mit einer dampfenden Suppe.
»Unsere Spezialität! Ein altes Familienrezept!«
Er grinste über alle Backen und rieb sich die kräftigen
Zwergenhände, die Uhr bereits am linken Handgelenk.
Caruso hatte natürlich seinen Teller schon mit einem Zug
leer geschlürft, bevor Sofia überhaupt ihren Löffel gehoben
hatte, und: Er spuckte die Suppe in hohem Bogen
wieder aus, bevor Sofia überhaupt die Möglichkeit bekam,
sich zu ducken.
»Pfui... Igittigittigittigitt! Das ist ja voller Knoblauch!«
Sofort war es still im Raum. Nur das Geräusch der
Suppeneinlage von Carusos Portion war zu hören, wie sie
von Sofias Hemd auf die Dielen tropfte. Die Zwerge stiegen
unheimlich leise von der Theke und von ihren Stühlen
und kamen näher. Niemand lachte mehr, niemand
sang. Auch der Wirt wurde zusehends ernster. Sein Blick
spiegelte ein Gefühl zwischen Angst und Wut wider.
»Sie... mögen keinen Knoblauch?«
»Diese Art Bergziege... bekommt von Knoblauch
immer Verdauungsprobleme«, versuchte Sofia zu schlichten.
»Meine Bergziege liebt Knoblauch!«, rief ein Zwerg.
»Meine kann gar nicht genug davon kriegen!«, rief ein
anderer. Und alle stimmten zu.
»Allerdings kann meine nicht reden!«, fügte ein besonders
pfiffiges Kerlchen bei.
»Ich... äh... bin eine sehr intelligente Bergziege«, log
Caruso, der merkte, dass er in der Falle saß.
»Und ich... doch doch... ich liebe Knoblauch... ich habe
mich nur verschluckt und... hm... was wollte ich doch
gleich sagen? Uii! Da ist aber viel Wasser zwischen den
Knoblauchzehen in dem Topf. Wer hat denn da so gepanscht?
Da geht ja der ganze gute Knoblauchgeschmack
verloren!«
Das alleine schien die Masse der anrückenden Zwergenschar
nicht wirklich umzustimmen. So fasste Caruso,
wenn auch mit größtem Widerwillen, den Topf und
schüttete den Rest der Suppe in seinen Katzenschlund.
»Knoblauch! Einfach toll! Da lass ich doch alles für
stehen und liegen. Und das gibt ein so glattes und duftiges
Fell«, schmatzte er. Und tatsächlich wandelte sich
die Färbung von Carusos Fell: Sie fiel ab in ein helles...
ein sehr helles Grün. Sofia hegte den Verdacht, dass ihm
ziemlich schlecht geworden war.
Die Zwerge und der Wirt starrten Caruso noch einen
Moment an. Dann lachten sie und stoben auseinander.
»Diese Ziegen aus den südlichen Ländern«, sagte einer
und schüttelte den Kopf. »Sprachbegabt und verfressen.
Nach so viel Suppe wäre mir kotzübel.«
